IgG-Tests sind untauglich zur Diagnose von Lebensmittelunverträglichkeiten
Editorial

Bei einer Unverträglichkeit gegenüber Lebensmitteln wird zwischen einer immunologisch bedingten Allergie (allergische Lebensmittel-Hypersensitivität) und einer Intoleranz ohne immunologische Beteiligung (nicht allergische Lebensmittel-Hypersensitivität) unterschieden. Während die allergische Lebensmittel-Hypersensitivität auf körpereigenen Reaktionen gegenüber Proteinen beruht und mit wissenschaftlich evaluierten klinischen oder Blut-Tests geprüft werden kann, stehen für die nicht allergische Lebensmittel-Hypersensitivität keine derartigen Tests zur Verfügung. Die klinische Diagnose einer Intoleranz beruht ausschließlich auf Anamnese, Symptomtagebuch, Eliminationsdiäten und Provokationen unter ärztlicher Kontrolle.
Dies hält Vertriebsfirmen und Labors jedoch nicht davon ab, Serum-IgG-Tests anzubieten, mit denen angeblich Unverträglichkeiten auf bis zu 300 Lebensmittel bestimmt werden können. Die Testergebnisse werden gemeinsam mit Diätempfehlungen verkauft. Die durch die Bestimmung von Immunglobulin G (IgG) angeblich festgestellten Lebensmittelunverträglichkeiten werden wiederum als Verursacher einer Vielzahl von Krankheiten sowie von Übergewicht dargestellt. Abnehmen soll demnach entsprechend der Aussagen der Anbieter ganz einfach möglich sein: Anhand des Immuntests sollen die Lebensmittel bestimmt werden, die der Körper nicht "verträgt"; wird auf den Verzehr dieser Lebensmittel verzichtet, nimmt die Person ab. Das trifft nicht zu: Es gibt keinen wissenschaftlich belegten Zusammenhang zwischen Übergewicht und Lebensmittelunverträglichkeiten.
Ohne diagnostischen Wert
Von den deutschsprachigen Allergiegesellschaften wird die Diagnostik von Lebensmittelunverträglichkeiten mittels IgG-Antikörpertests als ungeeignet eingestuft und strikt abgelehnt. Das Vorhandensein von IgG-Antikörpern nach dem Verzehr von Lebensmitteln ist nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht als Indikator für krank machende Vorgänge einzustufen, sondern Ausdruck der physiologischen Immunantwort des Menschen nach Kontakt mit Lebensmittelbestandteilen. Es gibt keine gesicherten Hinweise in Form kontrollierter, aussagekräftiger Studien auf einen diagnostischen oder pathologischen Wert des Nachweises von IgG-Antikörpern gegen Lebensmittel.
Die irreführende Interpretation der Ergebnisse von IgG-Antikörpertests, die anschließend als Begründung für ungerechtfertigte und häufig einseitige Diäten verwendet wird, ist nach Meinung der Wissenschaft zu verurteilen. Solche Diäten tragen zu einer einseitigen Ernährung, verbunden mit einer Unterversorgung an lebenswichtigen Nährstoffen, zu erhöhtem Leidensdruck und damit letztlich zu einer eingeschränkten Lebensqualität der Betroffenen bei.

Dr. Isabelle Wendt
Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.


